August 2010
Liebe Israelfreunde
Die Massendemonstrationen von ultraorthodoxen Juden gegen die Verlegung von antiken Gräbern, die meistens bei Bauarbeiten zum Vorschein kommen oder die jüngste Demonstration gegen einen Gerichtsbeschluss über ein Verbot der Trennung von Schulklassen nach ethnischer Herkunft (z. B. aschkenasische und sefardische Klassen) haben in letzter Zeit dafür gesorgt, dass in der israelischen Bevölkerung das Ansehen dieser Gruppierung gelitten hat. Dieser Imageverlust betrifft nicht nur die ultraorthodoxen Juden, sondern das religiöse Judentum als Ganzes. Als Reaktion auf dieses Verhalten der Haredim (der ultraorthodoxen Juden) schrieb ein Kommentator in einem Beitrag für eine israelische Tageszeitung: «Ich sehe eine Bewegung, die ihren Weg verloren, ihre Mission vergessen hat und uns in die Irre führt. Ist es dann ein Wunder, wenn säkulare Israelis vom Judentum nicht mehr viel wissen wollen? ... Obwohl viele das heutige Judentum in Israel äusserst positiv beurteilen, befürchte ich, dass sie die Zustände durch eine rosarote Brille sehen. Bereits beim Lesen der Tageszeitung oder beim Hören der Nachrichten fragt man sich, was mit den religiösen und ethischen Werten des Judentums geschehen ist.»
Der Autor des Artikels erwähnt unter anderem, dass die Weisen Israels lehrten, man solle nicht nach einer Machtposition streben, weil man dabei unweigerlich Kompromisse auf Kosten religiöser Prinzipien machen müsse. Doch wenn säkulare Juden beobachten, wie sich orthodoxe Juden verhalten, wenn sie z. B. als Koalitionspartner in der Regierung sitzen, um sich dadurch finanzielle Vorteile und Privilegien zu sichern, dann stellt sich zwangsläufig die Frage: Fühlen sich die Menschen durch ein solches Verhalten zur Religion hingezogen oder von ihr abgestossen?
Ein weiteres Beispiel sei das Problem mit dem Wehrdienst. Nach den religiösen Vorschriften seien die Leviten zwar im Falle eines Angriffskrieges von militärischen Pflichten entbunden, weil ihre Hauptaufgabe in religiösen Studien und im Unterrichten bestehe. Doch bei einem Verteidigungskrieg liege die Sache ganz anders. Leider befinde sich Israel noch immer in einem Verteidigungskrieg, in dem es um seine Existenz gehe. Deshalb habe auch jeder israelische Bürger die Pflicht, in der Armee zu dienen. Auch in diesem Fall stellt sich eine drängende Frage: Wie reagieren säkulare Juden, wenn sie mit ansehen müssen, wie ihre Söhne bei der Verteidigung des Landes ihr Blut vergiessen, während die Söhne der Religiösen in den Hallen der Gelehrsamkeit sitzen? Wie viele aus der ersten Gruppierung fühlen sich durch ein solches Verhalten zum Judentum hingezogen und wie viele von ihm abgestossen? Der Autor führt noch weitere Beispiele an, wie etwa das Bestellen von extra koscherem Essen in den Flugzeugen der nationalen Fluggesellschaft EL AL, obwohl alle an Bord servierten Mahlzeiten bereits koscher seien. Diese Beispiele seien eindeutige Hinweise, dass die Ultraorthodoxen vom richtigen Weg abgeirrt seien und sich zu notorischen Neinsagern entwickelt hätten.
Zum Schluss erklärt der Kommentator, dass es bereits in der Zeit des Talmuds zwei Meinungen über die Gesetzesauslegung gab, und zwar die Schule von Hillel, die allgemein liberaler war und die von Shammai, die die Gesetze sehr streng auslegte. Von den 26 Traktaten der Gesetzesauslegung im Talmud folgen bis auf acht alle der eher liberalen Schule von Hillel. Ausser dem enthalte der Talmud auch für heutige Israelis eine wichtige Lehre: Wenn sie ein Licht für die Nationen und das auserwählte Volk sein wollen und ausserdem die eigenen Volksgenossen für die jüdische Religion gewinnen wollen, müssten sie Nein sagen zu den notorischen Neinsagern.
In diesem Artikel wird auf vielleicht etwas provokante Weise verdeutlicht, wie in Israel beim Verhältnis zwischen der eher liberalen Bürgern und den Ultraorthodoxen eine Entwicklung stattfindet, die dazu führt, dass die so genannte «schweigende Mehrheit» nicht mehr alle Vorschriften der Orthodoxie als von Gott gegeben hinnimmt, sondern es wagt, auch einmal Nein zu sagen. Der Autor weist in seinem Beitrag auch auf eine immer tiefer werdende Kluft in der israelischen Bevölkerung hin.
In Hesekiel 37,22 redet der Prophet im Zusammenhang mit der Rückführung des Volkes Israel in das Land auch davon, dass Gott aus den Juden ein Volk machen will und sie nicht mehr zwei Völker sein werden. Tatsächlich gibt es in Israel heute so etwas wie zwei «Volksgruppen», nämlich die aschkenasischen und die sefardischen Juden. Häufig beobachtet man zwischen diesen beiden Gruppen eine starke Rivalität. Diese Unterschiede werden nach den Worten des Propheten nicht durch menschliche Anstrengungen verschwinden, sondern erst vom kommenden Friedefürsten beseitigt.
In Ihm, der auch gesagt hat: «Siehe, ich mache alles neu», mit Ihnen verbunden grüsst Sie mit einem herzlichen Shalom
Ihr Fredi Winkler
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